Prof. Dr. Norbert Lammert besuchte im Rahmen der Demokratiewoche das Gymnasium St. Mauritz. Über den spannenden Vortragsabend, an dem sich der ehemalige Bundestagspräsident über Demokratie äußerte und Fragen des interessierten Publikums beantwortete, schreibt Ann-Christin Ladermann von der Pressestelle des Bistums Münster:
„Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit“
Von Ann-Christin Ladermann, Bischöfliche Pressestelle, 16.10.2026
„Die Demokratie ist immer dann am meisten gefährdet, wenn die Menschen beginnen, sie für selbstverständlich zu halten.“ Der Satz des früheren US-Präsidenten Barack Obama ist für Norbert Lammert mehr als eine kluge Beobachtung. Er beschreibt eine Gefahr, die der frühere Bundestagspräsident für Deutschland sieht. Beim Abschluss einer von Schülerinnen und Schülern initiierten Demokratie-Woche am Gymnasium St. Mauritz in Münster machte der CDU-Politiker am 15. Oktober deutlich, warum demokratische Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist – und was es braucht, um sie zu bewahren.
Demokratie, erklärte Lammert vor Schülern, Eltern und Lehrkräften, sei keineswegs der Normalfall der Geschichte, sondern eine vergleichsweise junge und zugleich fragile Errungenschaft. Weltweit erfüllten nur etwa zwei Dutzend Staaten alle wesentlichen Voraussetzungen einer funktionierenden Demokratie. Dazu gehörten freie Wahlen, Gewaltenteilung, unabhängige Gerichte und Grundrechte. Doch eine gute Verfassung allein reiche nicht aus: „Am Ende entscheidet über die Stabilität eines demokratischen Systems die Bereitschaft der Menschen, die gemeinsamen Regeln höher zu gewichten als die eigenen Interessen.“
Wie anschaulich der 77-Jährige politische Grundfragen vermitteln kann, zeigte sich schon vor dem eigentlichen Vortrag. Die Oberstufenschüler Agnes und Nicholas stellten ihm Fragen zu Schule, Politik und Privatem. Lammert erzählte, dass er in seiner Schulzeit Klassensprecher gewesen sei. Schule sei dann gut, sagte er, wenn man sie nicht als Schule wahrnehme, sondern als Beschäftigung mit „Sachverhalten und Entwicklungen, die man selbst für wichtig“ halte. Talkshows dagegen hält er nicht gerade für einen „Gipfelpunkt der Zivilisation“.
In seinem Vortrag spannte Lammert den Bogen vom Fall der Berliner Mauer bis zu den aktuellen Herausforderungen demokratischer Gesellschaften. Nach dem Ende des Kalten Krieges hätten viele geglaubt, die Demokratie werde sich weltweit durchsetzen. Heute sei das Gegenteil zu beobachten: Die Zahl funktionierender Demokratien sei zurückgegangen. Eine Gefahr sieht Lammert im weltweiten Erfolg populistischer Bewegungen. Sie versprächen einfache Lösungen für komplexe Probleme.
Auch bei der anschließenden Diskussion wurde Lammert konkret. Auf die Frage nach einem möglichen AfD-Verbotsverfahren erläuterte er die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen, machte aber auch seine persönliche Haltung deutlich: Einen Verbotsantrag würde er derzeit nicht unterstützen. Er befürchtet, dass ein erfolgreiches Verbot die demokratische Legitimation des politischen Systems schwächen könnte, wenn sich Wählerinnen und Wähler um ihre Wahlentscheidung gebracht sähen. Die Auseinandersetzung mit der AfD müsse deshalb politisch geführt werden.
Dass die Demokratie-Woche auf Initiative der Schüler entstanden war, hob Lammert ausdrücklich hervor. Es sei ermutigend, dass junge Menschen sich aus eigenem Antrieb mit dem Thema beschäftigten. Zum Abschluss dankten Moderator und Lehrer Hendrik Drüing und Schulleiterin Anke Wilkens dem Gast für seinen „kurzweiligen Vortrag“. Ein Satz werde ihnen besonders in Erinnerung bleiben: „Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit.“
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